Alvaro lebt auf dem Fluss Paraná ein sehr gelassenes und bescheidenes Leben. Fährenbesitzer Turu, der als einziger im Dorf Handlungsbedarf gegen Zuwanderer sieht, ergreift eigenmächtige Maßnahmen und sucht den Konflikt. Ruhiges Außenseiterkino mit bezaubernden Schwarz-Weiß-Bildern.
[Film bewerten]
Alvaro (Jorge Román) lebt im argentinischen Urwald des Rio-Paraná-Deltas ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben. Er hilft dem älteren Iribarren (José Munoz), einem seiner wenigen Freunde, beim Schneiden von Schilf, aus dem Iribarren Körbe flicht. Ein bisschen Geld verdient sich Alvaro als Arbeiter beim Roden oder durchs Verleimen von Büchern einer etwas entfernten Bibliothek, die er nur mit einer Fähre erreicht: der León vom selbstgefälligen Turu (Daniel Valenzuela).
Als der Sohn von Gadea (Michael Sosa) Selbstmord begeht, erzählt Turu, dass die Misioneros ihn umgebracht hätten. Turu versucht, im Dorf Stimmung gegen diese Gruppe von Fremden zu machen, die illegal Holz roden. Außerdem hat Turu den Einzelgänger Alvaro auf dem Kieker, beschimpft ihn als Schwulen, beobachtet Alvaro aber andererseits beim Duschen. Schließlich geht Turu eigenmächtig gegen die Misioneros und auch gegen Alvaro vor.
Alvaro (Jorge Román, links) und sein Freund Iribarren (José Munoz) verdienen sich Geld mit Kleinigkeiten.
Kritik:
Während Turus Fähre, die León, pfeilschnell über den Fluss vorbeibraust, steuert Alvaro sein kleines Boot gemächlich durch die labyrinthartige, neblige und atemberaubend schöne Flusslandschaft des Paraná-Deltas. Die Kamera gleitet schwerelos, fast ätherisch an sich neigenden Bäumen vorbei.
Diese ersten Schwarz-Weiß-Bilder von "La León" sind eigentlich genug Charakterisierung dieser beiden unterschiedlichen Männer. Mit wenigen Worten und viel Geduld baut der Film in den folgenden 78 Minuten einen Konflikt zwischen diesen beiden auf. Die Erzählung wirkt anfangs etwas lose, verdichtet sich aber allmählich zu einem klaren Erzählstrang. Die langsame Entwicklung ist definitiv nichts für diejenigen, die spannende Wendung erwarten. Die einprägsamen Bilder und die ruhige Atmosphäre belohnen jedoch den Geduldigen mehr als ausreichend.
Einer der Misioneros auf dem Rio Paraná.
Debütfilmer Santiago Otheguy hat mit seiner Kamerafrau Paula Grandío das ärmliche Leben in bezaubernd silbrigen Bildern ohne Wertung eingefangen. Der geringe Lebensstandard wird nicht gesellschaftskritisch ausgebeutet. "La León" erzählt eine einfache und bescheidene Geschichte, was den Film deutlich vom Massenkino abhebt.
Erst zur zweiten Hälfte des Films, als es verhältnismäßig dramatisch wird, kommt Vincent Artauds sanfte Klarinettenmusik immer häufiger, aber trotzdem sehr gezielt zum Einsatz. Meist ist der Zuschauer mit den Schwarz-Weiß-Bildern und den minimalistisch-natürlichen Geräuschen auf sich allein gestellt. Dies vermittelt dem Zuschauer etwas von der selbstgenügsamen Einsamkeit Alvaros.
Turu (Daniel Valenzuela) beobachtet Alvaro beim Duschen...
Angenehm unprätentiös wird das Thema Homosexualität dargestellt. Dies ist keiner der zahlreichen Coming-out-Filme und Schwulsein ist nur einer von mehreren Aspekten des Films. Alvaro beobachtet zwar Männer sehr genau, doch im Grunde lebt er seine Sexualität nur flüchtig mit Touristen aus. Gegenüber den anderen Dorfbewohnern mutet der freiwillige Außenseiter eher asexuell an. Dennoch ist er Turu ein Dorn im Auge, der selbst unterdrückte homophile Neigungen zu haben scheint. Es ist hauptsächlich Turu, der in anderen Stellvertreterprobleme sieht und Konflikte, die er in sich nicht lösen kann, in der Außenwelt herbeiführt.
Die Darsteller sind nicht wie häufig wegen ihrer glatten Schönheit gecastet, doch gerade das verleiht dem Film zusätzlichen Charakter. Ausgerechnet in den gleichmütigen, etwas abgehärmten Gesichtern kann man viel über die Protagonisten erfahren. So einfach kann gutes Kino sein.
Ihr habt diesen Film auch
gesehen? Dann könnt ihr ihn hier bewerten! Weiterempfehlen:
Hintergrund:
"La León" erhielt auf dem Torino International Gay & Lesbian Film Festival den Preis als bester Spielfilm und Paula Grandío einen auf dem Huelva Latin American Film Festival für die beste Kamera. Während der Teddy-Verleihung auf der Berlinale 2007 fand der Film besondere Erwähnung.
Am Mündungsdelta des Rio Paraná, unweit des Schauplatzes des Filmes, liegt die argentinische Hauptstadt Buenos Aires mit ihren 13 Millionen Einwohnern.